Wie der junge Adler aus seinem Nest geworfen wird, erst erschrickt und dann die Luft spürt, die ihn trägt, so ist es auch für uns im Leid.
Josef Kentenich,
Predigt in
Milwaukee Juni
1966
Noel - Ich will leben!
Eines Tages kam meine Tochter Auguste mit ihrem Freund und fragte, ob sie mit uns reden könnten. Ich ahnte, was los war. Einige Anzeichen hatten dafür gesprochen, dass sie schwanger war. Wir gingen ins Wohnzimmer und sie sagte: Mama, ich werde nicht abtreiben. Ich werde das Kind nach der Geburt zur Adoption freigeben. Ihr Freund war damit einverstanden.
Wie kam Auguste zu einer solchen Entscheidung?
Die Meinung, dass Abtreibung keine Lösung bei einer ungewollten Schwangerschaft ist, habe ich schon immer vertreten. Junge Mädchen wissen oft nicht, was sie sich antun, wenn sie ein ungewolltes Kind abtreiben. Die körperlichen und seelischen Schäden sind nicht zu unterschätzen. Deshalb habe ich immer vertreten, dass eine Adoption eine Lösung ist, mit der jede/r leben kann. Das Kind darf leben in einer glücklichen Familie und glücklich sind auch die Adoptiveltern. Ein neugeborenes Kind zu adoptieren ist wie ein 6-er im Lotto. So haben wir später von der Adoptionsstelle des Jugendamtes erfahren.
Meine Tochter wusste von Anfang an, dass ich sie in dieser Entscheidung unterstütze.
Die Frauenärztin war sehr einfühlsam und machte uns Mut. Das Kind war gesund und von Anfang an war klar: Es wird ein großes Kind.
Die Schwangerschaft musste zunächst geheim gehalten werden. Sie wäre ein Grund gewesen, Auguste von der Schule zu verweisen.
In der benachbarten Stadt war eine Wohngemeinschaft für schwangere Frauen. Von dort aus konnte Auguste nach den Sommerferien in eine andere Schule gehen. Das Jugendamt sorgte für die Unterbringung. Sie sollte nach Meinung des Jugendamtes die Zeit nutzen, um für das Leben zu lernen
Auguste fühlte sich von Anfang an wohl in der WG und wurde auch von den Mitbewohnerinnen akzeptiert. Beim Gespräch mit dem Schulleiter der neuen Schule stellte sich heraus, dass er sich erhoffte, dass die Mitschülerinnen aus Augustes Schicksal lernen würden.
In unserer Gemeinde kamen viele Stimmen und Meinungen auf. Ich konnte viele gute Gespräche führen. Wir waren froh, dass Auguste so weit weg war, dass sie alles nur am Rande mitbekam.
Andererseits hätte ich Auguste gerne während der Zeit der Schwangerschaft begleitet.
Viele Menschen unterstützten uns. Auch die jetzige Klasse nahm sie mit offenen Armen auf.
Diese positiven Reaktionen wogen die negativen auf.
Die pädagogische Betreuung in der WG war für Auguste eine große Hilfe. Sie kümmerten sich auch um die Belange in Bezug auf die Adoption. Auguste durfte die zukünftige Adoptionsfamilie selbst aussuchen und kennen lernen. Es war von Anfang an klar, dass Auguste sich eine offene Adoption wünscht, d.h. auch wenn das Kind adoptiert ist, darf Auguste trotzdem wissen, wie es ihm geht oder es treffen. Auch wurde ihr immer die Option einer Pflegefamilie offen gelassen. Keiner wusste, wie sie reagieren würde, wenn das Kind da ist. Für mich war klar: Würde sie das Kind behalten wollen, ich würde sie unterstützen.
Sechs Wochen vor dem Entbindungstermin lernte Auguste das Ehepaar kennen. Und es war schön zu sehen, dass dieses Paar den gleichen Namen favorisierte wie Auguste. So wurde der Name des Kindes eine gemeinsame Sache. Wir waren alle guter Dinge.
Dann kam der Entbindungstermin. Noel wurde ein Sonntagskind. Er war groß, schwer und gesund. Wir waren alle ganz glücklich.
Auguste kam bald in einen separaten Raum, um uns die Möglichkeit zu geben, Noel kennen zu lernen und auch, um uns von ihm zu verabschieden, denn die zukünftigen Eltern durften ihn mit nach Hause nehmen. Es war eine schöne Atmosphäre und auch die Betreuerinnen waren tief beeindruckt von der Stärke, die Auguste hatte. Sie war froh und dankbar für die glückliche Geburt und wusste, das Kind wird von den zukünftigen Eltern gut versorgt. Es stellten sich auch später nie Zweifel bei ihr ein, nicht die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Also kam Noel in sein neues Zuhause. Auguste blieb noch zwei Tage in der Klinik. Ihre Oma und ihre Patentante holten sie ab und fuhren mit ihr zurück zur WG. Diese freuten sich, dass Auguste wieder da war, war sie doch der ruhende Pol in diesen oft chaotischen Verhältnissen. Die Tatsache der Adoption wurde ruhig aufgenommen und akzeptiert.
Auguste konnte nun bald wieder zur Schule gehen. Und so kehrte ihr Alltag als Schülerin wieder ein. Das war gut für sie. So hatte sie eine Aufgabe und wusste, das Leben ging weiter. Wir waren natürlich gespannt, wie sie alles verkraften würde. Zur Schuljahreshälfte war der Wechsel geplant und klappte auch. In ihrer ehemaligen Klasse, im Freundes- und Bekanntenkreis wurde sie sehr offen aufgenommen. Durch ihre Aktivitäten in der Jugendarbeit wurde sie wieder schnell integriert. Auch die Freundschaft mit ihrem Freund trug dazu bei. Er hatte immer zu ihr gehalten.
Nach einigen Wochen, die rechtliche Regelung der Adoption sieht eine 8-wöchige Bedenkzeit vor, kam ein Anruf von einer Betreuerin aus der WG, Auguste könnte jetzt einen Adoptions-Termin vereinbaren. Doch am nächsten Tag kam ein Anruf von der Adoptionsvermittlungsstelle im Jugendamt. Die in Frage kommenden Adoptionseltern hätten das Kind wieder freigegeben. Sie kämen mit der Unsicherheit, ob sie das Kind nun adoptieren könnten oder nicht, nicht klar. Was nun? Sollten wir das Kind doch zu uns nehmen?
Die Situation für Auguste war nach wie vor klar: sie wollte weiter zur Schule gehen. Wir blieben wir bei der Entscheidung, Noel zur Adoption freizugeben. Noel kam zunächst in eine Pflegefamilie und das Jugendamt suchte eine neue Familie. Bald darauf bekamen wir ein Gesprächsangebot. Auguste lernte das Ehepaar kennen. Diese ließen sich auf eine offene Adoption ein.
Die neuen Eltern machten einen Crashkurs in Sachen Kinderpflege und Andrea kündigte ihre Arbeitsstelle. So kam kurz darauf der kleine Noel in seine Familie.
Heute wissen wir, dass er unbedingt in diese Familie wollte. Viele Anzeichen sprechen dafür. Auch wurde uns bewusst, dass wir Noel nach einer Adoption durch die erste Familie höchst-wahrscheinlich nie wieder hätten sehen dürfen.
Inzwischen ist der kleine Noel adoptiert und im 2. Lebensjahr. Er war mittlerweile bei uns zu Besuch und wir freuten uns, wie offen Noel sich bei uns im Haus bewegte.
Wir danken allen, die uns bei dieser Entscheidung unterstützt, Schwierigkeiten mitgetragen und im Gebet begleitet haben.
Ich bin gerne bereit, Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, zu unterstützen und unsere Erfahrungen weiterzugeben
Anmerkung: Bitte wenden Sie sich dazu an Lichtzeichen e.V. Wir vermitteln gerne