Überlebenszeit ist jetzt - Statement von Dr. Helmut Müller anlässlich der Delegiertentagung der Schönstattbewegung Deutschland

von eichenberg am 01.11.2005, 19:52

Im Anschluss an zwei vorangegangene Statements stellte Dr. Helmut Müller, Dozent an der Universität Koblenz und Mitglied des Beratungsausschusses von Lichtzeichen, das Thema des Forums in große Zusammenhänge. Er zeigte auf, welche Umschichtungen gerade unsere deutsche Gesellschaft in den letzten 50 Jahren zu verzeichnen hatte, wie der Wechsel zum "flexiblen Menschen" zwar manche Vorteile, aber eben auch Ängste und Verunsicherungen mit sich brachte, und zeigte die "Überlebenszeit" der Gesellschaft mit Hilfe demographischer Beispiele an: Eine Gesellschaft, in der die nachwachsenden Generationen immer kleiner werden, gerät an die Überlebensgrenze. Der Referent zeigte auf, wie dieses Phänomen viele andere Verunsicherungen (etwa das Problem des wirtschaftlichen Wachstums) im Gefolge hat und forderte dann die Zuhörer auf: "Lernen wir von Harry Potter!"

Der Schritt über die Schwelle

"Der Zauber der Harry Potter-Romane", so Müller, bestehe "in der Annahme einer anderen Welt hinter der unseren: Die Welt in diesen Romanen ist nicht mehr flach und für kurze Zeit vordergründig reizend, ohne Visionen und geheimnislos, vielleicht schon gänzlich ausgekostet. Bei vielen jungen Leuten ist die reale Welt, in der sie leben, vielleicht auch schon ohne jeden erotischen Zauber, wenn manche schon mit achtzehn einem halben Dutzend Freunden den Laufpass gegeben haben. Der bedeutendste Soziologe des 20. Jahrhunderts, Max Weber, hat den Begriff der Entzauberung der Welt geprägt. Joanne K. Rowland hat sich im wahrsten Sinne des Wortes um eine Wiederverzauberung der Welt verdient gemacht, auch wenn es sich um eine zweifelhafte handelt."

Dieser Schritt über die Schwelle in eine andere Welt, der bei Harry Potter so viele fasziniert, ist uns in diesem Jahr an dem großen Papst Johannes Paul II. in viel realerer Weise deutlich geworden. "Eine Schülerin von ihm sagte einmal: ‚Er ist seit 80 Jahren dorthin unterwegs, wo er immer schon sein wollte’. Johannes Paul II. hat der Welt vorgelebt, dass der Schritt in die jenseitige Welt leben hilft, dass er hilft, auch große Unsicherheiten und Verunsicherungen von anderswoher zu lösen.

"In den letzten Jahren ist das immer offenkundiger geworden, dass hier ein Mensch zwar in unserer Welt lebt, aber Kraft, Mut, Hoffnung, Visionen und Inspiration aus einer anderen Welt bezieht." – Dieser Mensch hat die Welt geprägt über seinen Tod hinaus: Die 1,1 Millionen Menschen, die zum Weltjugendtag nach Köln gekommen waren, waren noch von seinem Geist getragen.

Müller machte Mut, die "andere Welt hinter dem Weihwasserbecken" zu entdecken, als Christen den Schritt über die Schwelle immer neu zu tun, indem wir wahrnehmen, was die Kirche uns an Überlebenshilfen anbietet, die existentiell sind:

So lässt etwa das Beten des Kreuzwegs lernen, "dass die Mühsal des Lebens kein Herausfallen aus der Welt ist, sondern dazu gehört und zeigt, dass alle Mühsal uns nicht klein kriegt." Die Beichte sagt uns, "wenn wir auf den Straßen unseres Leben im Straßengraben gelandet, gegen eine Wand gefahren sind, das wahre Leben, das uns in der Taufe geschenkt worden ist, kann hier wieder gewonnen und erneuert werden." Der Blick auf die Heiligen zeigt, "dass nicht wenige die Straßen des Lebens glücklich vollendet haben. Das Bild Marias, das es in jeder katholischen Kirche gibt, ist ein Bild mütterlicher Sorge, das die barmherzige Vaterliebe Gottes, die uns im Bußsakrament begegnet in einem weiteren menschlich-mütterlichen Ton bereichert."

Als Christ hat man das Gute noch vor sich

Der Schritt über die Schwelle einer Kirche, über die Schwelle unseres Glaubens führt schließlich zur Begegnung mit dem Herrn im Sakrament: "’Unsere größte Sorge sollte sein, dass Gott angebetet und geliebt wird’". Dieses Wort von Karl Rahner ist das beste Heilmittel gegen Egomanie, das es gibt, gegen das sich selbst und die Welt neu erfinden, in einer Gesellschaft, die Gott aus der Verfassung streicht und deren Politiker Gott aus der Eidesformel weglassen. Wenn Anbetung die größte Sorge ist, dann ist das eigene Ego automatisch nicht mehr das Größte. Dann stimmen wieder die Verhältnisse."

Der Referent schloss mit einem Wort, das er einmal in einer Predigt Pater Alliendes gehört hatte und das ihn seither begleitet: "’Als Christ hat man das Gute noch vor sich". Ich füge hinzu, egal, welche Lebenstäler wir bis zum Ende unseres Lebens durchschritten haben. Das Leben Johannes Pauls macht diesen Ausdruck des christlichen Glaubens glaubhaft. Wir dürfen annehmen, dass er jetzt dort lebt, wo er immer schon sein wollte, im Hause des Vaters. "Als Christ hat man wahrhaft das Gute noch vor sich".

Unser Glaube trägt

Es folgte eine Diskussion, in der verschiedene Akzente vor allem des Statements nochmals zur Sprache kamen.
Lichtzeichen wurde von Müller als eine Möglichkeit erwähnt der „demographischen Katastrophe“ praktisch in kleinem Rahmen zu begegnen. Lichtzeichen sei ein Verein mit engagierten Frauen und Männern mit verschiedenen Begabungen, die sich gegenseitig ergänzten, angefangen beim Gebet, über die direkte Begleitung von Frauen in Konfliktsituationen, Frauen in Not und Frauen nach Abtreibung, Geld- und Sachspenden, einfache Mitgliedschaft bis hin zur konzeptionellen Arbeit des Vereins

 

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